Plattform 'Soul-Support'

Transgeneratives Trauma und Resilienz in der Corona- Krise

Durch die aktuelle Coronakrise wird nun schon längere Zeit ein extremer sozialer Rückzug eingefordert.

Diese Reduktion des persönlichen Kontaktes zu anderen Menschen kann zu Gefühlen von Isolation und Einsamkeit führen. Dadurch werden tiefere Schichten des Selbst, die vielleicht zurückliegende Erinnerung an ebensolche Empfindungen speichern, angeregt. Auch von der Psyche abgespaltene Spuren von traumatischen Ereignissen können, durch das neuerliche Erleben von Abgetrennt sein, aktiviert werden.

Diese Aktivierung ruft meistens nur Erinnerungsfragmente, wie zum Beispiel Gerüche oder Geräusche des seinerzeitigen Erlebnisses in das Bewusstsein. Intensive und überschwemmende Gefühle von Alleine Sein und Angst treten in den Vordergrund und können jedoch oft nicht zugeordnet werden. Unbestimmte körperliche Missempfindungen, wie Herzklopfen, Beklemmung oder Schmerzen begleiten diesen Zustand. Wird der Reiz von außen weiter verstärkt, indem der Zustand der Isolation fortschreitet oder eine zusätzliche Belastung hinzukommt, verstärkt sich der innere Stress. In der Folge können auch belastende blitzlichtartigen Erinnerungsbilder (Flashbacks) erlebt werden und es kommt zu Panikattacken und generalisierter Angst.

Das Phänomen, dass so viele Menschen durch die Quarantänemaßnahmen gleichgeschaltet werden, ähnelt der Ausnahmesituation in Kriegszeiten. Bei der Generation, welche den Krieg erlebt hat, kann ich derzeit zwei Reaktionen beobachten:

Die eine ist angstvolles Wiedererinnern und folgender emotionaler Rückzug. Die andere ist jedoch ein ausgesprochen gutes Zurechtkommen mit der Quarantänesituation, da ähnliche und heftigere Situationen in der Kriegszeit schon erlebt wurden. Die Coronakrise kann daher innerpsychisch besser eingeordnet und verarbeitet werden.

Wesentliches Merkmal von traumatisierenden Erlebnissen ist das Empfinden, dass mein Leben bedroht ist und das ich wehrlos ausgeliefert bin. Ich habe in meinem bisherigen Leben keine ähnliche Situation durchlebt und kann die Ereignisse daher nicht assoziieren. Das Ereignis übersteigt meine Bewältigungsmöglichkeit und wird daher im Inneren abgespaltet (dissoziiert).

Wenn die belastenden Erlebnisse nicht aufgearbeitet werden, werden sie auf die nächste und auch übernächste Generation weitergegeben. Dies geschieht unbewusst, meistens schon ganz früh in den Eltern-Kind-Beziehungen.

In diesem Sinn tragen viele Menschen in fast allen Altersschichten neuronale Spuren der Ereignisse des letzten Weltkrieges in sich. Mir gefällt hierzu das Bild, dass der der Krieg einem Felsen gleicht, der in einen See stürzt. Der Brocken ist schon lange versunken, aber die Wellen pflanzen sich im Wasser immer noch fort.

Möglicherweise haben aber auch die Kriegsgeneration und die Folgegeneration das Wissen, dass kollektive Notsituationen durchlebt werden können, präsenter im Bewusstsein. Das ehemals schreckliche Erleben der Kriegszeit könnte dadurch heute zur Ressource werden.

Aus der Notaufnahme eines Krankenhauses wurde über den verstärkten Andrang von Jugendlichen mit Angst- und Paniksymptomen berichtet. Vielleicht erklärt sich dies durch eine spezielle, in der Kriegserfahrung erworbene Resilienz der älteren Generationen. Jugendliche können auf das Erlebnis der Bewältigung von langanhaltenden globalen Bedrohungen noch nicht zurückgreifen.

Mag. Oliver Kaufmann
www.psychotherapie-kaufmann.at